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Friedrich August von Hayek

Friedrich August von Hayek (* 8. Mai 1899 in Wien; † 23. März 1992 in Freiburg im Breisgau) war ein österreichischer Ökonom. Neben Ludwig von Mises war er im 20. Jahrhundert der bedeutendste Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und zählt zu den wichtigsten Denkern des Liberalismus im 20. Jahrhundert. 1974 wurde er aufgrund seiner bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Geld- und Konjunkturtheorie mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Leben

Friedrich August von Hayek war der älteste von drei Söhnen des Arztes und Botanikprofessors der Universität Wien August von Hayek und von dessen Frau Felicitas (geborene Juraschek). Die Familie stammte aus dem kleinen Militär- und Beamtenadel und war mütterlicherseits einigermaßen begütert. Der Vater von Hayeks Mutter, Franz von Juraschek, war Professor und wurde später zum Präsidenten der statistischen Zentralkommission ernannt. Eugen von Böhm-Bawerk war häufiger Gast im Hayek'schen Elternhaus. In seiner Kindheit interessierte sich Friedrich (von den Eltern Fritz genannt) zunächst vor allem für Mineralogie, Insektenkunde und Botanik. Später folgte ein Interesse für Fossile und für die Evolutionstheorie. Nach Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg (ab März 1917) und einer Malariaerkrankung studierte Friedrich August von Hayek ab 1918 an der Universität Wien offiziell Rechtswissenschaft, besuchte aber vor allem Kurse in Volkswirtschaftslehre und Psychologie. Mangelnde direkte Berufsmöglichkeiten für Psychologen bewegten ihn dazu, seine ökonomischen Kenntnisse zu vertiefen, insbesondere bei seinem Doktorvater Friedrich von Wieser. Mit seinem Buch The Sensory Order sollte er später dennoch eine Arbeit zur theoretischen Psychologie vorlegen. Hayek begeisterte sich anfänglich für die planwirtschaftlichen Vorstellungen Walther Rathenaus; infolge der Lektüre des Buches „Die Gemeinwirtschaft“ von Ludwig von Mises wandte er sich von sozialistischen Ideen ab. Er war regelmäßiger Teilnehmer eines Privatseminars von Ludwig von Mises, als dessen Musterschüler er galt. Er wurde promoviert in der Rechtswissenschaft 1921 und Volkswirtschaft 1923. Ab 1927 leiteten sie gemeinsam das Österreichische Institut für Konjunkturforschung. Hayek forschte, an Mises anschließend, besonders über die Theorie von Konjunkturschwankungen. 1931 wurde er an die London School of Economics berufen, wo er während der 1930er und 1940er Jahre als bedeutendster Vertreter der Österreichischen Schule und Opponent von John Maynard Keynes galt. 1947 lud Friedrich August von Hayek 36 dem Liberalismus nahe stehende Gelehrte zu einem Treffen am Mont Pèlerin in der Schweiz ein, woraus die Mont Pelerin Society hervorging. 1950 wechselte er an die University of Chicago, 1962 nahm er eine Professur an der Universität Freiburg an und wurde kurz darauf Vorstandsmitglied des Walter Eucken Instituts (siehe auch Freiburger Schule). 1967 wurde er emeritiert, lehrte aber weiter bis 1969. 1974 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (gemeinsam mit dem Schweden Gunnar Myrdal). Nach einer Honorarprofessur an der Universität Salzburg kehrte er 1977 nach Freiburg zurück, wo er bis zu seinem Tod 1992 tätig war. 1991 wurde ihm die Presidential Medal of Freedom, die höchste zivile Auszeichnung der USA, verliehen. Begraben ist er in Wien.

[Bearbeiten] Werk

[Bearbeiten] Preise und Produktion (1931)

Von Hayek baute die Konjunkturtheorie Ludwig von Mises’ weiter aus. Preise und Produktion ist die Ausführung von Gedanken, die von Hayek bereits 1928 in seinem Aufsatz The intertemporal price equilibrium and movements in the value of money veröffentlicht hatte. 1974 erhielt von Hayek für Preise und Produktion den Nobelpreis.[1] Seine Analyse basiert dabei grundsätzlich auf der traditionellen Gleichgewichtstheorie. Einfluss übte dabei auch die Theorie Knut Wicksells aus; demnach beruhen Ungleichgewichtsprozesse auf dem Auseinanderklaffen von natürlicher Zinsrate und dem von den Banken festgelegten Zins. Grundlegend für von Hayeks Konjunkturtheorie sind folgende Überlegungen: Durch freiwilliges Sparen verringert sich die Nachfrage nach Konsumgütern. Der relative Preis der Konsumgüter sinkt. Die Kapitalbildungsquote steigt, wodurch der Geldzins sinkt. Sinken die Kapitalkosten, so wird die Investition in ergiebigere Produktionsmittel lohnender (Ricardo-Effekt)[2]. Solange dies auf freiwilligem Sparen basiert, strebt die Wirtschaft einem Gleichgewicht entgegen.[1]

Sinkt durch Kreditexpansion der Geldzins unter die natürliche Zinsrate, steigen die Investitionen in Produktionsmittel. Der verringerten Konsumgüterproduktion steht eine gleichbleibende Nachfrage entgegen. Der Konsumgüterverzicht führt zu „erzwungenem Sparen“, das den von den Investoren beanspruchten Ressourcen entspricht. Mit der dadurch verursachten Preissteigerung erreicht das Wirtschaftshoch einen kritischen Punkt: Die Konsumgüterpreise steigen bei nunmehr steigendem Zins. Die einzigen Lösungen sind für von Hayek die weitere Kreditexpansion, um die Abnahme der Kapitalgüternachfrage zu vermeiden, oder der schmerzhafte, aber dauerhaft unvermeidbare Prozess der Rezession. In der Rezession gleicht sich das intersektorale Ungleichgewicht der tatsächlichen Nachfragestruktur wieder an (monetäre Überinvestitionstheorie). Im Unterschied zum Monetarismus sieht von Hayek die Entstehung von Rezessionen durch das Zusammenspiel von monetären Phänomenen und der realen Produktionsstruktur an. Durch die Weltwirtschaftskrise sah von Hayek seine Arbeiten bestätigt.[1]

[Bearbeiten] The Road to Serfdom (1944)

In seiner gesamten Lehre galt Hayeks Aufmerksamkeit der Auseinandersetzung mit jeder Art von Sozialismus. Im methodischen Mittelpunkt seiner Arbeit steht bei ihm immer das Wissensproblem, das seine sozialwissenschaftliche Arbeit mit seinem Interesse für Psychologie verbindet. Schon in den 1920er-Jahren argumentierte er, dass in einer arbeitsteiligen Gesellschaft auch das Wissen aufgeteilt sei und einzelne Planer das Gesamtsystem nicht bis ins Detail überblicken könnten, eine Zentralverwaltungswirtschaft also prinzipiell nicht funktionsfähig oder zumindest einer Marktwirtschaft weit unterlegen sei. Seine Theorie erweiterte er später um anthropologische, kulturelle und informationstheoretische Überlegungen (s. unten). Er bezweifelte dabei nicht, dass einige Sozialisten moralisch anspruchsvolle Ziele verfolgten, nur hielt er den vorgeschlagenen Weg, insbesondere jede Art von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft, für gefährlich.

1944 erschien Hayeks The Road to Serfdom (dt. Der Weg zur Knechtschaft) in England. In diesem Werk legte er dar, dass der Nationalsozialismus in Deutschland und der Faschismus in Italien nicht – wie sozialistische Intellektuelle behaupteten – Formen der kapitalistischen Reaktion seien, sondern „Weiterentwicklungen des Sozialismus“. Ziel des Buches war es laut Hayek, die damals gegen den Liberalismus tendierende Mehrheitsmeinung umzukehren und sie für die Gefahren des Sozialismus zu sensibilisieren. Hayeks Hauptargument ist, dass alle Arten von Sozialismus, Kollektivismus und Planwirtschaft zwangsläufig in Widerspruch zu liberalen Individualrechten und rechtsstaatlichen Prinzipien geraten. Die Barbarei und Gewaltherrschaft in den totalitären Staaten – damals neben Deutschland und Italien vor allem die Sowjetunion – sei also nicht Folge von besonderer Bosheit der entsprechenden Völker, sondern die Umsetzung der sozialistischen Lehre einer geplanten Wirtschaft. Diese führe notwendig zu Unterdrückung, selbst wenn dies nicht die ursprüngliche Absicht der Sozialisten war.

Später erweiterte er diese Theorie und fügte hinzu, dass selbst staatliche Interventionen, die zunächst die Marktwirtschaft nicht prinzipiell in Frage stellen, langfristig zur Abschaffung der Freiheit führen würden. Er verlangte also eine „politische Freiheit im Sinne von Demokratie, 'innere' Freiheit, Freiheit im Sinne des Fehlens von Hindernissen für die Verwirklichung unserer Wünsche oder gar 'Freiheit von' Furcht und Mangel haben wenig mit individueller Freiheit zu tun und stehen oft in Konflikt mit ihr. (...) Die Freiheit, um die es sich hier handelt, die allein als allgemeines Prinzip der Politik dienen kann und die auch das ursprüngliche Ziel aller freiheitlichen Bewegungen war, besteht ausschließlich in der Abwesenheit von willkürlichem Zwang."[3] Er meinte jedoch, Zwang sei notwendig, wenn man diese Freiheit in Frage stellt: "Eine wirksame Verteidigung der Freiheit muß daher notwendig unbeugsam, dogmatisch und doktrinär sein und darf keine Zugeständnisse an Zweckmäßigkeitserwägungen machen."

Nach dem Zweiten Weltkrieg sah Hayek die Chance für eine Renaissance des Liberalismus gekommen. 1947 gründete er die Mont Pelerin Society als Plattform eines neuen Liberalismus. Teilnehmer der ersten Tagung waren neben Hayeks Freunden Mises und Karl Popper auch Ludwig Erhard, Walter Eucken und Wilhelm Röpke, die die Soziale Marktwirtschaft in Westdeutschland vorbereiteten. Hayek unterstützte die auf neoliberalen Thesen beruhende Soziale Marktwirtschaft, hielt aber die weitere Entwicklung in Deutschland ab Mitte der 1960er Jahre für zu interventionistisch und warnte anlässlich der deutschen Ausgabe des Wegs zur Knechtschaft von 1971 vor sozialistischen Tendenzen in der deutschen Wirtschaftspolitik [4].

Außer mit ökonomischen Fragen befasste sich Hayek nach dem Krieg vor allem mit informationstheoretischen, erkenntnistheoretischen, kulturtheoretischen und rechtsphilosophischen Problemen sowie mit theoretischen Fragen der Psychologie.

[Bearbeiten] Die Anmaßung von Wissen (1974)

Hayek schloss sich der Meinung der liberalen Klassiker Adam Smith und John Locke an, wonach wirtschaftliche Ordnung das unangestrebte Resultat menschlichen Handelns ist (Prinzip der „unsichtbaren Hand“). Die Zentralverwaltungswirtschaft sei insbesondere wegen der „Nichtzentralisierung allen relevanten Wissens“ über die Fähigkeiten und Bedürfnisse der Individuen nicht durchführbar, das heißt die planende Stelle kann niemals über die Informationen verfügen, die sie für eine vernünftige Planung benötigen würde. Nur der freie Markt bilde im Preissystem alle relevanten Informationen ab und führe zu sinnvollen Allokationen. Den „Sozialingenieuren“, die eine Gesellschaft auf dem Reißbrett planen wollen, warf er die Anmaßung von Wissen (pretence of knowledge) vor. So sollte später auch seine Rede zum Empfang des Nobelpreises heißen.

Er schrieb zum 20-jährigen Bestehen des Institute of Economic Affairs im Jahre 1977: „Ich bin stets davon überzeugt gewesen, dass wir, so wir unsere wirtschaftliche und politische Freiheit behalten wollen, unsere Bemühungen auf die Bekehrung der Intellektuellen in ihrer Eigenschaft als Meinungsmacher richten müssen.“

[Bearbeiten] Die Verfassung der Freiheit (1971)

Eine freie Gesellschaft setzt also für Hayek die Dominanz einer Ordnung der ersten Art und abstrakter Regeln voraus. Er befürwortet demnach eine starke Einschränkung und präzise Definition staatlicher Handlungsmöglichkeiten durch die Verfassung, um die Rechte des Individuums zu schützen. Als wichtigste Begrenzung der staatlichen Zwangsausübung betrachtet er, dass diese nur nach allgemeinen Regeln erfolgt, nie jedoch willkürlich[5]. Das Problem sei nicht, wer über wen herrsche, sondern wieviel Herrschaft die Herrschenden überhaupt ausüben dürfen. Reine Demokratie ohne Beschränkungen staatlichen Handelns lehnt er ab, weil diese ebenfalls zu Unterdrückung tendiere („totalitäre Demokratie“). Insofern mag man seine Vorstellung einer Verfassung der Freiheit als Nomokratie bezeichnen. Ein solches System schließt nicht aus, dass die Wirtschaftstätigkeit reguliert wird, wenn die Regulierung nach allgemeinen Regeln erfolgt. Hayek lehnt damit Laissez-faire ab. Bestimmte Eingriffe wie Preiskontrollen oder der Versuch soziale Gleichheit herzustellen seien mit einer freien Gesellschaft jedoch nicht vereinbar[6].

[Bearbeiten] Choice in Currency (1976) und Denationalisation of Money (1978)

Hayeks Konjunkturtheorie zufolge war die Weltwirtschaftskrise nicht, wie Keynes behauptete, Folge von geringer Nachfrage, sondern von Fehlinvestitionen der Unternehmen und Banken, die wiederum Folge verfehlter staatlicher Geld- und Wirtschaftspolitik gewesen seien. Staatliche Interventionen auf dem freien Markt, wie Keynes sie forderte, seien also nicht die Lösung, sondern die Ursache der Wirtschaftskrise. Die Inflationspolitik vor 1929 habe den Zusammenbruch erst heraufbeschworen.

Nach Hayek sind Konjunkturzyklen die Folge von Abweichungen des Geldzinssatzes vom „natürlichen Zinssatz“, d.h. der Zinssatz bei dem Ersparnis und Investition sich ausgleichen. Es bildet sich eine Differenz zwischen beiden Größen, die durch zusätzliche Liquidität gedeckt werden muss. Diese ermöglicht es den Unternehmen Projekte zu finanzieren, die zuvor nicht rentabel gewesen wären. Die Wirtschaftsleistung weitet sich dadurch stärker aus als es im natürlichen Fall möglich gewesen wäre. Die zusätzliche Liquidität führt jedoch nach einiger Zeit zu steigenden Preisen. Passen sich die Wirtschaftssubjekte daran an, steigen die Zinsen. Investitionsprojekte, die sich zum bisherigen Geldzinssatz ausgezahlt hätten, müssen abgebrochen werden. Es kommt zum Crash[7].

Der späte Hayek macht für Abweichungen des Zinssatzes vor allem die Zentralbanken verantwortlich, denen es aus politischen Gründen nicht gelingen kann den Geldwert in einem Maß stabil zu halten mit dem sich Krisen vermeiden lassen. Aus diesem Grund befürwortet er die Produktion von Zahlungsmitteln in Private Hände zu legen. Ihm gelang es mit einer Reihe von Texten (Denationalisation of Money, 1978 und Choice in Currency, 1976) die Debatte um Free Banking neu zu beleben.

[Bearbeiten] Recht, Gesetz und Freiheit (1979)

Hayek erweiterte seine Sozialismuskritik um eine Theorie der kulturellen Evolution und des menschlichen Zusammenlebens in arbeitsteiligen Gesellschaften und hat damit die Evolutionsökonomik wesentlich beeinflusst.

Nach Hayek sind Werte nicht oder nur in geringem Maße Resultat menschlicher Gestaltung und Vernunft. Sie entstammen aus drei Wurzeln: den biologischen „vererbten“, den kulturell „erprobten“ und erst als dritte und am wenigsten weitreichende, den rational „geplanten“. Gewachsene Traditionen seien daher reproduktiv und adaptiv außerordentlich wirksam und würden von Sozialtheoretikern unterschätzt, während die Machbarkeit einer „idealen Gesellschaft“ überschätzt sei. Die Religionen seien insofern entscheidend für die Evolution des Menschen, da ihre Selektion bzw. „natürliche Auswahl“ nicht auf Basis rationaler Argumentation erfolge, sondern durch reproduktiven Erfolg als Ergebnis religiösen Glaubens und erfolgreicher Adaption (Anpassung) an die jeweilige Umwelt. Nicht jede Religion gilt von Hayek daher als gleichermaßen erfolgreich (auch den Kommunismus sieht er als bereits wieder absterbende Religion), aber im Wettbewerb würden sich immer wieder jene religiösen Bewegungen durchsetzen, die erfolgreich Fortpflanzung und Wirtschaftsleben förderten. Religionsfreiheit gilt von Hayek daher als eine zentrale Wurzel und ein wichtiges Anliegen des Liberalismus. In ihrem Rahmen könnten vielfältige Mikrogesellschaften in Wettbewerb treten und so den Gesamterfolg der Makrogesellschaft befördern. Monopolistische Religion werde dagegen ebenfalls reaktionär.

Hayek unterscheidet zwei Arten von Ordnungen:

  1. Eine spontane Ordnung („kosmos“), in der die Individuen ihre Ziele mit eigenen Mitteln verfolgen. Sie benötigt nach Hayek allein abstrakte Regeln, die in Form von Verboten formuliert sind und allgemeingültig sein müssen, also keinerlei Privilegien zulassen.
  2. Eine Organisation („taxis“) nennt Hayek dagegen das Resultat bewussten Entwurfes. Hier existieren konkrete Regeln, die in Form von Geboten formuliert sind. Die Verfolgung von individuellen Zielen mit eigenen Mitteln wird hier eingeschränkt, und oft gibt es eine vertikale Hierarchie. In einer Organisation wird Ergebnisgerechtigkeit zu Lasten der Regelgerechtigkeit durch Umverteilung erzeugt. Beispiele hierfür sind Planwirtschaften, aber auch etwa Unternehmen oder das Militär. Hayek weist darauf hin, dass in allen Gesellschaftsformen beide Arten von Ordnung und Regeln vorliegen.

Die Regeln unterliegen nun laut Hayek einer „kulturellen Evolution“. Die gewachsenen (abstrakten) Regeln seien kein Produkt der Vernunft, sondern hätten sich parallel zur Vernunft entwickelt und sich über Generationen bewährt. Diejenigen Gruppen, die abstrakte Regeln einführten, seien erfolgreicher (produktiver) als andere gewesen, insbesondere was die Reproduktion angeht. Andere Gruppen seien dann verdrängt worden oder hätten die erfolgreichen Regeln übernommen. Die besten Regeln hätten sich so immer wieder durch natürliche Evolution durchgesetzt.

Im Wunsch nach umfassenden, sozialen Geboten und Vorgaben nach Maßgabe der Instinkte, die dem Menschen weitgehend aus der vorneolithischen Zeit in Kleingruppen geblieben seien, sieht Hayek eine der größten Gefahren für die Freiheit. In diesem Punkt war Hayek einer Meinung mit seinem langjährigen Kollegen und Freund Karl Popper, der in seinem Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde ebenfalls die utopische Sozialwissenschaft und ihre Theorien der geplanten Gesellschaften (etwa bei Platon und den Marxisten) verwirft. Kollektivistische Utopien und Entwürfe von „geschlossenen Gesellschaften“ (Popper) müssten in modernen Großgesellschaften an der Realität scheitern oder in Barbarei enden.

[Bearbeiten] Rezeption

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es im Westen nicht zu einer Rückkehr zum klassischen Liberalismus. In den Industriestaaten des Westens wurde auf interventionistische Lösungen gesetzt, die Währungen waren nicht frei konvertibel und es gab Handelszölle und Kapitalverkehrsbeschränkungen und -kontrollen. Diese Praktiken erschienen Hayek als zu sehr sozialistisch und als große Gefahr. Insbesondere der Keynesianismus, gegen den er schon in den 1930er Jahren aufgetreten war, setzte sich weltweit durch. In den 1960ern kam es fast überall zu weiterer Ausdehnung sozialstaatlicher Tätigkeit. Eine Wende brachte die Stagflation in der Krisenzeit Ende der 1960er und Anfang der 1970er. Dieses Phänomen konnte die keynesianische Schule nicht erklären, ihre durch Staatsausgaben künstlich erzeugte Nachfrage führte zu hoher Staatsverschuldung, ohne die gewünschten wirtschaftsbelebenden Effekte zu haben. So wuchs das Interesse an der Konjunkturtheorie Hayeks. Gleichzeitig kamen die wirtschaftsliberalen Theorien Milton Friedmans (Chicagoer Schule) auf, die sich in Teilen auf Hayek beriefen, so dass Hayek wieder zu größerer Bekanntheit gelangte.

Praktische Anwendung fanden Hayeks Erkenntnisse in den 80ern in der Wirtschaftspolitik Ronald Reagans („Reaganomics“) und Margaret Thatchers („Thatcherismus“), mit deren Hauptakteuren er sich auch persönlich verschiedentlich austauschte. In Deutschland sprach Hayek bereits 1969 auf dem Wirtschaftstag der CDU/CSU, schloss sich jedoch zeitlebens keiner Partei an. Unter den deutschen Politikern, die sich auf ihn beriefen, fanden namentlich Franz-Josef Strauß, Ludwig Erhard und Otto Graf Lambsdorff seine (kritische) Zustimmung. Auch Angela Merkel bezog sich würdigend auf von Hayek und sein Freiheitskonzept.[8] Für Jimmy Wales waren Hayeks Arbeiten zur Preistheorie zentral für sein Denken um das Wikipedia-Projekt zu bewältigten.[9]

[Bearbeiten] Gesellschaft und Stiftung

1998 wurde von einer Gruppe von Unternehmern, Wissenschaftlern und Publizisten in Freiburg die Friedrich-August-von-Hayek-Gesellschaft gegründet, die mit jährlichen Veranstaltungen („Hayek Tage“), Juniorenkreisen und der Verleihung der Hayek–Medaille sowie mit einem bundesweiten universitären Essaywettbewerb für die Ideen Hayeks wirbt[10]. Die Hayek-Medaille wurde bisher unter anderem Roger Douglas (neuseeländischer Reformminister), dem amerikanischen Nobelpreisträger Gary Becker, Elisabeth Noelle-Neumann von der Stiftung Demoskopie in Allensbach, Wissenschaftlern wie Manfred Streit und Erich Hoppmann sowie auch an bekannte Publizisten wie Günter Ederer und Hans-Olaf Henkel verliehen.

Vorsitzender der Gesellschaft ist Gerhard Schwarz, Ressortleiter Wirtschaft der Neuen Zürcher Zeitung.

Im Jahr darauf wurde ebenfalls in Freiburg die Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung für eine freie Gesellschaft gegründet und von einem rheinländischen Unternehmer kapitalisiert. Sie arbeitet eng mit der genannten Gesellschaft zusammen. Vorsitzender ist Gerd Habermann, Professor an der Universität Potsdam.

Parallel dazu wurde die F.A. Hayek Stiftung mit der Firma Wüstenrot & Württembergische AG gegründet. Stiftungszweck ist die Grundlage einer freiheitlichen Wirtschaft- und Gesellschaftsordnung[11]. Alle zwei Jahre vergibt sie den internationalen Preis sowie den Publizistikpreis. Preisträger 2007 sind der ehemalige slowakische Ministerpräsident Mikuláš Dzurinda (Internationaler Preis) und Horst Siebert, ehemaliger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel (Publizistik-Preis). Vorsitzender dieser zweiten Stiftung ist Lüder Gerken, Freiburg.

[Bearbeiten] Auszeichnungen (Auszug)

[Bearbeiten] Veröffentlichungen

  • Geldtheorie und Konjunkturtheorie. Wien/Leipzig 1929.
  • The Road to Serfdom (1944). Deutsche Ausgabe: Der Weg zur Knechtschaft. Olzog, München 2003. ISBN 3-7892-8118-2
  • Wahrer und falscher Individualismus, in: ORDO 1, 1948, S. 19-55.
  • Die Anschauungen der Mehrheit und die zeitgenössische Demokratie, in: ORDO 15/16, 1962/63, S. 19-42.
  • Die Anmaßung von Wissen, in: ORDO 26, 1973, S. 12-21.
  • The Fatal Conceit: The Errors of Socialism (1988). Deutsche Ausgabe: Die Verhängnisvolle Anmaßung: Die Irrtümer des Sozialismus. J.C.B.Mohr, Tübingen 1988. ISBN 3-16-146674-8. (Der Inhalt des Buchs ist wesentlich von William Warren Bartley beeinflusst worden.[12])
  • Die Verfassung der Freiheit. Mohr Siebeck, Tübingen 1991. ISBN 3-16-145844-3
  • Recht, Gesetz und Freiheit. Mohr Siebeck, Tübingen 2003. ISBN 3-16-147878-9
  • Freiburger Studien: Gesammelte Aufsätze. 2. Aufl., Tübingen 1994.
  • The Sensory Order: An Inquiry Into the Foundations of Theoretical Psychology, University of Chicago Press, 1953. Deutsche Ausgabe: Die sensorische Ordnung. Eine Untersuchung der Grundlagen der theoretischen Psychologie, Mohr Siebeck. ISBN 3-16-148379-0
  • Choice in Currency. London 1976. (PDF)
  • Denationalisation of Money. Institute of Economics Affairs, London 1976. (PDF)

[Bearbeiten] Literatur

  • Hardy Bouillon: Ordnung, Evolution und Erkenntnis: Hayeks Sozialphilosophie und ihre erkenntnistheoretische Grundlage. Tübingen 1991, ISBN 3-16-145713-7
  • Eamon Butler: Hayek. His Contribution to the Political and Economic thought of our Time. London 1983
  • Bruce J. Caldwell: Hayek's Challenge: An Intellectual Biography of F.A. Hayek. Chicago 2003
  • Alan Ebenstein: Friedrich Hayek: A Biography. University Of Chicago Press, Chicago 2003, ISBN 978-0226181509.
  • Andrew Gamble: Hayek – The Iron Cage of Liberty. 1996, ISBN 0-8133-3125-0
  • Gerd Habermann: Philosophie der Freiheit. Ein Friedrich-August-von-Hayek-Brevier. Thun 2001
  • Hans Jörg Hennecke: Friedrich August von Hayek. Die Tradition der Freiheit. Bonn 2000
  • Erich Hoppmann (Hrsg.): Friedrich August von Hayek. Vorträge und Ansprachen auf der Festveranstaltung der Freiburger Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät zum 80. Geburtstag von Friedrich A. von Hayek. Baden-Baden 1982
  • Wolfgang Kerber (Hrsg.): Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien von F.A. von Hayek. Tübingen 1996
  • Ingo Pies: Eucken und von Hayek im Vergleich. Zur Aktualisierung der ordnungspolitischen Konzeption (= Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik, 43). Tübingen 2001. ISBN 3-16-147636-0
  • Ingo Pies, Martin Leschke (Hrsg.): F.a. Von Hayeks konstitutioneller Liberalismus. Mohr Siebeck 2003. ISBN 3-16-148218-2
  • John Raybould: Hayek. A Commemorative Album. London 1998
  • Christoph Sprich: Hayeks Kritik an der Rationalitätsannahme und seine alternative Konzeption, Metropolis, Marburg, 2008. ISBN 3-89518-660-0
  • Manfred Streit: Wissen, Wettbewerb und Wirtschaftsordnung – Zum Gedenken an Friedrich August von Hayek. In: Hans-Hermann Funke (Hrsg.): Ökonomischer Individualismus und freiheitliche Verfassung – Gedenkakademie für Friedrich August von Hayek. 1995
  • Christoph Zeitler: Spontane Ordnung, Freiheit und Recht: Zur politischen Philosophie von Friedrich August von Hayek. Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-631-30725-X

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. a b c Jesús Huerta de Soto: La Escuela Austríaca. Editorial Sintesis, Madrid 2000, ISBN 8477387753, S. 119–139.
  2. „[…] daß ein Steigen der Löhne die Kapitalisten ermuntern wird, Arbeit durch Maschinen zu ersetzen“ (F. A. von Hayek: Der Ricardo-Effekt. In: F. A. von Hayek: Individualismus und wirtschaftliche Ordnung. Eugen Rentsch Verlag Erlenbach-Zürich 1952. S. 281 (1942))
  3. "ORDO - Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft", Band 1960/61
  4. Hayek sieht in dem Begriff „Soziale Marktwirtschaft“ eine „sinnentleerte Wortverbindung“; "sozial" ist für ihn ein "Wieselwort", das andere Wörter ihres Inhalts beraubt: „Was sozial eigentlich heißt, weiß niemand. Wahr ist nur, daß eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit – und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist.“ Thomas Straubhaar, "Was vom Erbe Erhards bleibt", Aritikel in: Die Welt, 8. Februar 2007
  5. F.A. Hayek: Die Verfassung der Freiheit. J.C.B. Mohr, Tübingen 1971. S. 186 ff.
  6. F.A. Hayek: Die Verfassung der Freiheit. J.C.B. Mohr, Tübingen 1971. S. 294 ff.
  7. F.A. Hayek: Denationalisation of Money. Institute of Economics Affairs, London 1976. S. 85 f. und S. 97
  8. Angela Merkel: Das Prinzip individuelle Freiheit in der Financial Times Deutschland vom 18. Januar 2005
  9. Katherine Mangu-Ward: Wikipedia and Beyond Jimmy Wales' sprawling vision im Reason Magazine vom Juni 2007
  10. Laut der Internetpräsens der Gesellschaft (abgerufen 13.Juni 2009)
  11. Internetpräsens der Stiftung (Abgerufen 13.Juni 2009)
  12. Liberty - The Fatal Deceit
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