Albrecht Ritschl (* 1959 in München) ist ein deutscher Wirtschaftshistoriker.
Ritschl promovierte bei Knut Borchardt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Von 1994 bis 2007 hatte er Professuren an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona, der Universität Zürich und der Humboldt-Universität zu Berlin inne, bevor er 2007 an die London School of Economics and Political Science berufen wurde.
Ritschl unternahm mehrere Reinterpretationsversuche der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem:
- Die Beschäftigungspolitik des Dritten Reichs. Ritschl argumentiert, der Aufschwung im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise habe bereits 1932 eingesetzt und sei damit nicht der Wirtschaftspolitik zur Zeit des Nationalsozialismus zuzuschreiben. Die schnelle Rückkehr zu Vollbeschäftigung sei eine Folge der Niedriglohnpolitik Brünings gewesen, welche das Dritte Reich bruchlos fortgesetzt habe. Der Autobahnbau hingegen habe in großem Umfang erst 1936 begonnen, als Deutschland praktisch bereits zur Vollbeschäftigung zurückgefunden habe.[2] Auch andere Historiker wie z.B. Christoph Buchheim sind der Ansicht, dass die sinkenden Arbeitslosenzahlen nicht der NS-Wirtschaftspolitik zuzuschreiben sind, das NS-Konjunkturprogramm begann auch erst ab 1935. Jedoch verweisen sie im Gegensatz zu Ritschl als Ursache des Aufschwunges darauf, dass unter der letzten Regierung der Weimarer Republik 1932 ein größeres Konjunkturprogramm eingeführt wurde und Deutschland ab 1932 keine Reparationszahlungen mehr tätigen musste.[3]
 |
Dieser Artikel oder Abschnitt bedarf einer Überarbeitung. Hilf mit, ihn zu verbessern, und entferne anschließend diese Markierung. |
- Konjunkturzyklen im Kaiserreich. Mit Methoden der empirischen Konjunkturforschung bestätigt Ritschl die Existenz einer scharfen Rezession in den 1870er Jahren – die sogenannte Gründerkrise – welche von anderen Wirtschaftshistorikern in Abrede gestellt worden war.[5]
- Prices and Production. Elements of a System-Theoretic Perspective. Physica-Verlag, Heidelberg 1989, ISBN 3-7908-0429-0
- Deutschlands Krise und Konjunktur 1924-1934. Binnenkonjunktur, Auslandsverschuldung und Reparationsproblem zwischen Dawes-Plan und Transfersperre. Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003650-8
- Albrecht Ritschl (Hrsg.): Preußen im Kaiserreich. Akademie-Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-05-003699-0
- Hat das Dritte Reich wirklich eine ordentliche Beschäftigungspolitik betrieben? In: Neue Ergebnisse zum NS-Aufschwung. Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. 2003/I, ISBN 3050038608 (PDF)
- Albrecht Ritschl, Thomas Welskopp & Katja Girschik (Hrsg.): Der Migros-Kosmos : zur Geschichte eines aussergewöhnlichen Schweizer Unternehmens. Hier und Jetzt, Baden 2003, ISBN 3-906419-64-9
- ↑ Knut Borchardts Interpretation der Weimarer Wirtschaft. Zur Geschichte und Wirkung einer wirtschaftsgeschichtlichen Kontroverse, 2001
- ↑ Hat das Dritte Reich wirklich eine ordentliche Beschäftigungspolitik betrieben ?, 2002
- ↑ www.wiwi.uni-tuebingen.de/cms/fileadmin/Uploads/Schulung/Schulung5/Paper/Aufschwung.doc Der Aufschwung hat nichts mit den Autobahnen zu tun, Stuttgarter Zeitung, 9. Juni 2001 (doc)
- ↑ Von der Krise zur Moderne? Zu den langfristigen Wirkungen der NS-Wirtschaftspolitik, 2003
- ↑ Business Cycles and Stock Market Comovement in Germany before World War I: Evidence from Spectral Analysis, 2005 (offline)